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Iran - Deutschland (in Teheran) 0:2 (0:1) | 09.10.2004 Drucken

Freundschaftsländerspiel / Azadi-Stadion Teheran (110.000 Zuschauer)


Endlich! Für dieses Wochenende stand die lang ersehnte Iran-Reise auf dem Programm. Was hatte man sich im Vorfeld nicht alles für Gedanken über dieses Reiseziel gemacht? Im Bekanntenkreis taten manche Leute gar so, als würden sie nicht damit rechnen, dass unsere Gruppe wieder zurückkommt. Um 9h ging es mit Basti, Rocky, Matze, Miwo, Uni und Wölfchen per ICE und mit gespannter Erwartung nach Frankfurt, wo um 15:50h unsere Iran-Air-Maschine gen Teheran starten sollte. Mit uns im Abteil saß die indische Version von Ron Williams, der während der Fahrt leider kein Wort herausbrachte.

Am Flughafen trafen wir dann auch den Belgier und holten unsere Pässe mit den gar nicht mal so billigen Visa ab, bevor wir uns an einer Bar gemeinsam mit dem Hans-Meiser-Team ein letztes Bierchen vor dem Abflug in die alkoholfreie "Islamische Republik Iran" gönnten (oder besser "leisteten", denn ein Hefe kostete stolze 4,90 EUR). Der Flug in einem relativ neuen Airbus begann leider mit über halbstündiger Verspätung, verlief aber dafür absolut ruhig und dank der respektablen Beinfreiheit auch sehr entspannt. Lediglich beim Essen gab es leichter Abzüge. Der Hammel (oder was auch immer da in der Alu-Schale lag) bekommt höchsten eine 3-.Im Flieger bekam man auch schon einen Vorgeschmack auf die islamischen Bekleidungsvorschriften. Die Uniform der Stewardessen erinnerte mehr an Kostüme aus einem Star Wars-Film. Mehr als das Gesicht und die Hände waren wirklich nicht zu sehen.

Nach 4 1/ 2 Stunden schlugen wir auf dem International Airport Mehrabad auf, wo man nach zügiger Passkontrolle an der Taschenkontrolle mit einem Lächeln durchgewunken wurde. Mit Basti wartete ich von Einheimischen neugierig beäugt auf den Rest der rund 120 Personen umfassenden Gruppe. Ganz Neckermann-like ging es dann mit Bussen in die Stadt. Einige Knaller begannen damit, den "Reiseleiter" mit Fragen zu löchern, wo es denn was zu ballern gebe. Mannomann, es muss doch auch mal ein Wochenende ohne gehen. Ich glaube, einige Dichtmänner haben echt geglaubt, das ihnen zu Ehren mal eben die islamischen Gesetze für ein Wochenende aufgehoben wird. Tzzz!

Nach einer halben Stunde erreichten wir unser Hotel welches in einer dunklen Seitenstraße lag, die nicht gerade zum Flanieren einlud. Die Absteige entpuppte sich letztlich aber als sehr akzeptabel. Im Foyer traf man sich nun um das getauschte Geld aufzuteilen, da wir anstatt uns alle einzeln anzustellen 8x30 Euro auf einmal getauscht hatten. Dies hatte Uni erledigt, der nun eine Plastiktüte mit Zweieinhalb Millionen RIAL auf dem Tisch ausschüttete. Wie vor einem Monopoly-Spiel wurden die Bündel nun gleichmäßig auf 8 Haufen verteilt. Was für ein Anblick!

Auf der Suche nach einem offenen Restaurant erkundeten wir danach die nähere Hotelumgebung.. Leider waren die Straßen bis auf einige herumkickende iranische Jugendliche wie ausgestorben, weshalb wir dann den Rückzug ins Hotel antraten. Im Foyer ließ man den Abend dann bei einigen alkoholfreien Biergetränken ausklingen, die geschmacklich zwischen Apfelschorle und flüssigem Fußpilz (Zitat HMT) lagen.

Da man den einen Tag in Teheran vernünftig nutzen wollte, ging es schon um 7 zum Frühstück, welches sich als äußerst einfach, aber sättigend entpuppte. Das eigentlich witzige waren die beiden Perser in der Küche, die sich zur allgemeinen Belustigung der Anwesenden lautstark in die Wolle bekamen.

Dann ging es endlich in die Stadt, welche sich im Laufe der nächsten Stunden als unglaublich lauter und riesiger Moloch entpuppen sollte. Die Stadt erstreckt sich über eine Fläche von 18x25 km und ist das zu Hause von ungefähr 13 Mio Menschen. Sie gilt als eine der am dichtesten besiedelten Metropolen der Welt. Innerhalb der Stadt gibt es einen Höhenunterschied von 600 m: der Süden der Stadt liegt auf 1200m und im Norden wuchern die Ausläufer in 1800 m Höhe langsam in das Elburs-Gebirge hinein, welches über 5000m erreicht. Es ist schon ein irrer Anblick, leider war die Sicht gegen Mittag schon arg vom Smog getrübt.


Zunächst ging es nach kurzem Fußmarsch in die falsche Richtung mit mehreren Taxis zum Basar. Dieser erstreckt sich in einem Rechteck von 1x1 km. Darin befindet sich ein endloses Labyrinth von überdachten Gängen, welche von unzähligen kleinen wie großen Läden gesäumt sind. Hier gab es einfach alles. Gleich rollenweise konnte man gefakte Etiketten von Nike, Adidas und allen anderen Markenfirmen erwerben. Das erklärte dann auch, warum es Adidas-Schuhe mit den berühmten 3 Streifen und einem Nike-Logo auf der Ferse zu kaufen gab. Im Gegensatz zur den Touri-Basaren in Ägypten und der Türkei konnte man hier einfach unbehelligt und entspannt durchflanieren, ohne durch penetrante Verkäufer belästigt und in die Läden gezerrt zu werden.

Als nächstes stand eine weitere abenteuerliche Taxifahrt zum Azadi-Platz an. Taxifahren in Teheran ist echt ein Highlight und sei jedem ans Herz gelegt. Die Autos haben es meist schon hinter sich und pfeifen teilweise aus dem letzten Loch. Verteilt auf 3 Wagen fuhren wir einer Art von Konvoi, wobei sich die Fahrer immer wieder gegenseitig Anweisungen zuriefen und die Fahrzeuge einander beängstigend nahe kamen. Deswegen fehlte wahrscheinlich hier und da ein Außenspiegel. Aber kurz gesagt: es machte einen Heidenspaß. Irgendwann hatten wir sogar das Handeln raus, was angesichts der Sprachbarriere schon erstaunlich war.

In der Mitte des Azadi-Platzes steht das ca. 40m Hohe Azadi-Denkmal (hier hieß irgendwie alles "Azadi") Ein Gang auf die Aussichtsplattform blieb uns leider verwehrt, da das Gebäude natürlich ausgerechnet samstags verschlossen ist.


Wir entschieden uns nun für eine Fahrt zum Stadion, da der Großteil der Gruppe ein paar Bilder der Arena bei Tageslicht schießen wollte. Diesmal nahmen wir ein Sammeltaxi, was sich als lustige Angelegenheit erwies. In dem schrottreifen Gefährt mussten wir erstmal mit einigen Iranern fürs Fotoalbum daheim posieren. Nicht das letzte Mal für den heutigen Tag, denn die Leute waren geradezu süchtig nach Kontakt zu Leuten aus dem (westlichen) Ausland. Der Fahrer entschied sich, während er ununterbrochen "ESTAAAADIOON" aus dem Fenster brüllte, nicht für den direkten Weg zum Stadion, sondern fuhr eine Ehrenrunde über den Busbahnhof, der ungefähr die Fläche von 5 Fußballfeldern einzunehmen schien. Von einer 2 Runde konnte dank lautstarker Pöbeleien des Mitreisenden aus Peine-West abgehalten werden. Am Ground angekommen, wunderten wir uns, dass 8 Stunden vor Spielbeginn schon ein unglaublicher Trubel herrschte. Wir kauften uns für einen schlanken Euro ein Ticket und betraten das riesige Areal. Der Unterrang des Stadions ist im Boden versenkt, der Oberrang besteht aus riesigen Erdwällen. Im Stadion dann großes Erstaunen, waren doch so viele Stunden vor Spielbeginn gut 15.000 Plätze schon besetzt. Unsere Hoffnung, dass wir am Abend eine 6stellige Zuschauerzahl erleben würden, wuchs dadurch ungemein. Also machten wir fix einige Fotos und verabschiedeten uns wieder in Richtung Ausgang, was von den anwesenden Sicherheitskräften mit einem verständnislosen Kopfschütteln quittiert wurde. Beim Rausgehen erwiderten wir dann noch das freundliche Zuwinken Hunderter Iraner, die dann auch teilweise das Gespräch suchten, was aber angesichts einiger weniger Englischbrocken sehr schwer war. Man behandelte uns jedenfalls ungemein freundlich und zuvorkommend, Einige meinten es besonders nett und begrüßten uns mit "Heil Hitler", was man nur noch mit einem Lachen erwidern konnte. Sie wussten es halt nicht besser und man musste es einfach als nett gemeint annehmen. Nach diese ersten Lektion in Sachen "Wie fühlt man sich als Prominenter" fuhren wir zurück zum Azadi-Platz und kehrten ein einem kleinen Restaurant zum Mittagessen ein. Zum Glück gab es jemanden der deutsch sprach, was den Bestellvorgang enorm beschleunigte. Für knapp 3 Euro gab es ein schönes Menü, was alle zufrieden stellte.


Was nun folgte, kann nur als Odyssee bezeichnet werden: Wir wollten mit Taxis zum Tourismus-Ministerium fahren, in der Hoffnung, dass es wenigstens dort die bisher unauffindbaren Postkarten geben würde. Nach halbstündiger Fahrt stellte sich langsam heraus, dass die 3 Fahrer keine Ahnung hatten, wo das Ziel überhaupt lag, woraufhin erstmal die Deutsche Botschaft angesteuert wurde. Das half natürlich auch nicht weiter. Schließlich fasste sich Matze ein Herz und lotste mit Hilfe eines äußerst groben Stadtplans in einer navigatorischen Meisterleistung unsere Wagenkolonne zum Ziel (bzw. in die Nähe davon). Soviel zur Ortskenntnis Teheraner Taxifahrer...

Leider fanden wir danach weder das Tourist-Büro noch irgendwelche Läden mit Postkarten, obwohl sogar eine des englischen mächtige junge Iranerin uns noch begleitete und beim Suchen half. Soviel dann auch zum Klischee, im Iran dürfen Frauen nur in Begleitung ihrer Männer auf die Straße. Nicht das einzige Vorurteil was sich heute als völlig bescheuert erweisen sollte.

Schließlich ging es frustriert zum Hotel, wo wir an der Rezeption dann doch noch die ersehnten Postkarten bekamen. Es handelte sich um ausgesucht schöne Motive (diejenigen, die eine bekommen haben, wissen wovon ich rede).

Gegen halb 5 wurden wir von Bussen abgeholt und durch den chaotischen Teheraner Feierabendverkehr zum Stadion gebracht. Am Stadion herrschte das blanke Chaos: Überall Menschenmassen, die um Einlass in die Arena begehrten. Durch ein Spalier von unzähligen Bullen wurden wir aufs Gelände gelotst. In Schätzungen ging man davon aus, dass sich rund um das Stadion 150.000 Menschen tummelten, was zusammen mit den 110.000 im Inneren die Einwohnerzahl von Braunschweig ergibt. Wahnsinn!

Vom der Fußball-Mafia hatten wir übrigens vor Ort kostenlose Eintrittskarten für das Spiel erhalten. Wirklich sehr großzügig bei einem Eintrittspreis von 1 Euro. Ein langer Gang führte zu unserem Block im Unterring der Haupttribüne. Beim Betreten des Blocks blieb einem schier die Luft Weg. Der Anblick der mit über 110.000 Mensche besetzen Ränge war einfach atemberaubend. Kurze Zeit später wurde dann das Stadion verdunkelt und es begann eine von modernsten Techno-Klängen untermalte Lasershow, die die ekstatische Menge noch mehr aufpeitschte. Ich glaube, jeder aus unserer Gruppe hatte in diesem Moment eine Monster-Gänsehaut und genoss den Augenblick einfach nur. Zuvor hatte noch eine iranische Band das erste Stadion-Live-Konzert seit der islamischen Revolution vor 25 (!) Jahren gegeben. Kein Wunder, dass das Publikum so ausflippte. Bis zum Spielbeginn vertrieb sich die Menge dann noch die Zeit mit Wechselgesängen (schon geil bei der Zuschauerzahl) und unzähligen "Speed-Laolas". Es war einfach unbeschreiblich geil!

Das Spiel selbst verlief für die Atmosphäre im Stadion nicht allzu glücklich. Durch die frühe Führung der Deutschen flachte die Stimmung doch enorm ab, obwohl die Iraner auch ihre Chancen und Spielanteile hatten. Die Zweite Halbzeit wurde leider durch die unzähligen Auswechslungen auf beiden Seiten völlig zerstückelt. Die Stimmung im deutschen Block war heute lahm bzw. nicht vorhanden. Aber das war eigentlich auch egal, denn so ziemlich jeder Anwesende war sich wahrscheinlich bewusst, dass er so etwas in der Art und mit der Zuschaueranzahl nicht noch mal in diesem Leben gebotene bekommen würde. Lediglich 2 Mega-Neckermänner vom ach so tollen "Fanclub Nationalmannschaft" sorgten ein ums andere Mal für Erheiterung, weil sie das Spiel ernst nahmen und jeden Fehlpass der Deutschen empört kommentierten. Was für Iddis!!!



Nach dem Abpfiff blieben wir noch eine Weile im Block, da draußen das wieder ein Verkehrschaos erwartet wurde. Als wir uns dann auf den Weg zu unserem Bus machten kam es immer wieder zu Begegnungen mit Iranern, die uns auf persisch zutexteten. Auch wenn man kein Wort verstand, wurde dennoch deutlich, dass alles sehr nett gemeint war. Vor unserem Bus stand dann noch eine ganze Traube um mich herum. Nachdem man auch hier jedem die hand gegeben hatte, schenkte mir ein recht junger Iraner sogar noch eine Nationalflagge, worauf hin ich doch echt schlucken musste. Eine absolute Hysterie. Auf dem Weg in zurück in die Innenstadt waren die Straßen gesäumt mit Tausenden Fans die uns zujubelten. Andere eskortierten die Busse auf Motorrädern. "So fühlt man sich als Prominenter, Lektion 2". Es hatte den Anschein, man wollte so oft und deutlich wie möglich zeigen, wie erfreut man über den Besuch aus dem Westen ist und das dieser das Land und Leute in bester Erinnerung behält. Das ist ihnen mehr als gelungen! Das Spiel und das ganze Drumherum wurden in der internationalen Presse als das bedeutendste gesellschaftliche Ereignis seit der Revolution vor 25 Jahren bezeichnet. Bleibt zu hoffen, dass einige Besonderheiten wie das Konzert und die Duldung von Frauen im Stadion keine Eintagsfliegen bleiben.

Die Nacht im Hotel verbrachten wir mit Postkarten schreiben und dem Vertilgen der so lieb gewonnenen alkoholfreien Brausegetränke. Da es sich nicht mehr lohnte sich bis zur Abfahrt um 4h morgens hinzulegen überbrückte man die restliche Zeit mit dem Rauchen diverser einheimische Zigaretten, die man noch bei einem Straßenhändler ergattern konnte (Stange für knapp 4 Euro).

Schon jetzt war mir klar, dass es einige Tage dauern würde, bis man diesen Tagesausflug auf einen anderen Stern verarbeitet haben würde. Aber das Fazit fiel bei der gesamten Gruppe absolut positiv aus. Man schämte sich geradezu für die Bedenken und das Misstrauen vor der Reise. Mein Bild vom Iran hat sich jedenfalls gehörig geändert. Wo einem vorher nur Fahnen verbrennende Fanatiker, Ayatollah Khomeini, "Nicht ohne meine Tochter" und Atomprogramm einfiel, denkt man nun an den tollen Empfang und die vielen netten Leute, die sich einfach nur über unsere Anwesenheit freuten. Hoffentlich bricht dieser größenwahnsinnige Bush dort nicht bald den nächsten Krieg vom Zaun!

Den Rückflug verbrachte ich überwiegen schlafend, der nette Chemnitzer neben mir weckte mich netterweise immer, wenn's was zu futtern gab. Um 10h landeten wir in Köln und gönnten uns sogleich ein Kölsch an der Flughafenbar. Während der Belgier und die beiden Wölfchen es vorzogen, nach Hause zu fahren (Stichwort Kartoffelpuffer), deckten wir uns noch mit ein paar Fahrbieren ein und machten uns mit dem Rest auf den Weg zur Partie Spvgg Erkenschwick – TSG Sprockhövel .

 
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