Übersicht arrow Groundhopping intern. arrow Aserbaidschan arrow Aserbaidschan - Deutschland (in Baku) 0:2 (0:1) | 12.08.2009
Aserbaidschan - Deutschland (in Baku) 0:2 (0:1) | 12.08.2009 Drucken
7. Spieltag / WM-Qualifikation 2010 / Tofik Bakhramov Stadium (22.500 Zuschauer)


Der 7.Spieltag der WM-Qualifkationsgruppe 4 bescherte den Deutschen mit dem Auswärtsspiel in Aserbaidschan das vorläufige Highlight der laufenden Quali. Diesen Leckerbissen wollte sich unsere Reisegruppe natürlich auch nicht entgehen lassen. Flüge und Visa wurden frühzeitig besorgt und am 9. August begann das „Abenteuer Ostblock“.

Am Check-in in Tegel wurde schnell klar, dass der Flieger nach Riga fest in deutscher Hand sein würde und schnell wurden einige bekannte Gesichter von früheren Touren ausgemacht. Am Getränkestand gegenüber des Check-In merkte das Personal verwundert an, dass man „noch nie so viele Leute in den Flieger nach Riga hat steigen sehen“ und holte schon mal ein frisches Fass aus dem Lagerraum. Die Biervorräte im Duty-Free-Shop am Gate wurden auch schnell pulverisiert, wobei kurz vor dem Boarding noch ein gefeierter Held ein paar Paletten Nachschub herbei karrte. Der kurze Flug nach Riga startete pünktlich und somit war auch wahrscheinlich, dass trotz der kurzen Umsteigezeit in Riga (35 Minuten!) der Anschlussflug nach Baku erreicht werden würde. Auch der über das Rollfeld irrlichternde Shuttle-Bus-Fahrer konnte daran nichts mehr ändern. Das Personal auf dem knapp vierstündigen Flug nach Baku war leider äußerst unentspannt und untersagte auch gleich das Konsumieren von mitgebrachten Getränken. Dies war insofern ziemlich unverschämt, da Bier wie Wein schon vor Beendung des Steigflugs ausverkauft waren. Kurz vor der Landung konnte durchs Fenster das Lichtermeer von Baku gesichtet werden. Ein ostdeutscher Kollege hinter mir stellte erleichtert fest: „Die haben Licht, dann gibt’s da auch Bier!“
Was es am Flughafen auf jeden Fall nicht gab, war Bargeld. Die beiden Geldautomaten im Ankunftsbereich waren komplett leer, woran sich lt. später anreisenden Deutschen auch im Laufe der Woche nichts änderte. Somit stiegen wir ohne einheimischen Manat in ein Taxi, dessen Fahrer wir vorab noch deutlich von seiner ursprünglichen Forderung herunterhandelten. Auf einer mehrspurigen Schnellstraße machte der Fahrer dann einen „Bankomat“ am Straßenrand aus und leitete umgehend eine Vollbremsung ein. Gut, dass nachts nicht so viel Verkehr ist…. Geld bekamen wir allerdings erst beim zweiten Versuch an einem anderen Automaten aber am Ende waren alle glücklich. Ein Mitarbeiter des International Youth House holte uns nach einem kurzen Anruf ab und brachte uns durch ein kleines Häuserlabyrinth zur Unterkunft. Diese befindet sich in einer Villa inmitten eines der teuersten Wohnviertel Bakus, weshalb es wohl auch immer wieder Stress mit den Anwohnern gibt. Die Mitarbeiter des Youth House tischten uns sogar erstmal eine kleine Mahlzeit auf und waren überhaupt während der ganzen Zeit ungemein gastfreundlich und hilfsbereit. Da wir durch die diversen Flugplanänderungen von Air Baltic nun einige Stunden früher als geplant angekommen waren, wollten wir nun eine zusätzliche Nacht buchen, was auch  trotz großer Auslastung irgendwie klappte. Uns wurde ein 4-Bett-Zimmer mit eigener Dusche und Toilette zugewiesen. Normalerweise ist das in einer Unterkunft dieser Kategorie von Vorteil, aber der Gestank, der aus dem Abfluss im Badezimmer in unser Schlafgemach drang, war wirklich unbeschreiblich. Die Klappbetten waren auch nicht wirklich rückenfreundlich und dazu waren im Raum gefühlte 35 Grad. Angesichts dieser Umstände begann man quasi am ersten Tag damit, die verbleibenden Nächte rückwärts runterzuzählen. Die Devise lautete also morgens früh raus und nachts so spät und bettschwer wie möglich zurückkommen.
Als großer Fan des Molwanien-Reiseführers wissen wir nun, dass die unter nützliche Redewendungen zu findende Übersetzung für „Was ist das für ein Gestank?“ durchaus ihre Berechtigung hat.
Das Frühstück bestand aus Tee, Fladenbrot und Käse, wie es in diesen Breiten wohl durchaus üblich zu sein scheint. In Teheran hatte man uns seinerzeit fast das Gleiche aufgetischt. Mit der klapprigen und kilometertief unter der Stadt liegenden Metro ging es direkt in die Stadt. Nach kurzer Orientierung wurde beschlossen, zunächst unsere beim aserbaidschanischen Verband hinterlegten Karten abzuholen. Wie Ehrengäste wurden wir am Eingang abgeholt und in den (mit FIFA-Geldern?) gebauten Glaspalast geführt. Fehlte eigentlich nur noch, dass wir Bertie auf dem Flur treffen. Nachdem wir die Tickets im Sack hatten, konnte nun das Kulturprogramm beginnen. Das Wetter war für August außerordentlich kühl und regnerisch, aber um die Stadt zu Fuß zu erkunden, war es genau richtig.



Die Altstadt samt Jungfrauenturm ist mit ihren verwinkelten Gassen und der Stadtmauer wirklich sehr sehenswert, wenngleich die mit Schlaglöchern übersähten Gehwege überall in der Stadt eine allgegenwärtige Bänderrissgefahr bedeuten. Neben der Altstadt gibt es die Shopping-Innenstadt mit einer großen Fußgängerzone in welcher so ziemlich alle Nobelmarken der Welt zu finden sind. Kein Wunder, dass das Preisniveau in Baku in etwas deutschen Verhätlnissen  entspricht. Mit der klassischen Vorstellung vom Ostblock hat das nicht mehr viel zu tun. Im Gegenteil, man will die Sowjetzeit abschütteln und saniert daher auf Teufel komm raus die Bausubstanz. Überall wurden die Fassaden abgeschliffen und nach einem Einkaufsbummel war man als Passant mit einer feinen Staubschicht paniert. Der Anblick der mit Badelatschen auf den wackligen Holzgerüsten herumkraxelnden Bauarbeiter war wirklich nichts für ängstliche Arbeitschutzbeauftragte.
Für die letzte Pflichtübung wurden noch Postkarten benötigt, welche in manchen Destinationen  oft nicht so einfach aufzutreiben sind. In einer Buchhandlung wurden wir jedoch fündig und erstanden das einzig erhältliche Kartenset in mehrfacher Ausführung und ließen uns in einem kleinen Pub zum Schreiben nieder. Auf dem Postamt wurde das Wort Dienstleistung von einer grimmig dreinschauenden Angestellten noch wirklich gelebt, denn sie beklebte eigenhändig alle Postkarten selbst, womit sie immerhin einen guten Teil ihrer Arbeitszeit bis zum Feierabend überbrücken konnte.
Der zweite Tag wurde nochmals mit ausführlichem Sightseeing verbracht, wobei diesmal auch der Berg unterhalb des Fernsehturms im Westen der Stadt erklommen wurde. Bis zum frühen Abend beobachteten wir dann das Treiben auf dem „Bulvar“, der prachtvollen Flaniermeile an der Küste des Kaspischen Meeres. Am Horizont kann man die zahlreichen Ölplattformen erkennen, die u. a. die Grundlage für den wachsenden Reichtum Aserbaidschans sind. Zur Erinnerung daran hat man in die Mitte der Promenade einen ausgedienten Ölförderturm gestellt. Zu unserem großen Bedauern konnte dieser leider nicht erklommen werden. Den Abend verbrachten wir dann in einem Pub in der Innenstadt, in dem neben diversen anderen Deutschen irgendwann auch Thilo mit „seinen“ Rostockern auftauchte. Es war ein wirklich netter Abend, leider wurde die gute Laune erheblich getrübt, als uns das Thekenpersonal zu später Stunde übers Ohr hauen wollte. Dies war jedoch der einig negative Zwischenfall dieser Art auf der gesamten Tour.



Am Mittwoche herrschte dann wieder standesgemäßes Augustwetter und die Sonne brannte erbarmungslos vom blauen Himmel. An viel Bewegung war jetzt nicht mehr zu denken und wir waren froh, dass wir unser Sightseeing-Programm schon abgearbeitet hatten. So beschränkten wir uns überwiegend aufs Herumsitzen und Beobachten des täglichen Treibens. Besonders sehens- und hörenswert ist in Baku definitiv das Auftreten der Polizei. Immer wenn es den Beamten in Ihren Streifenwagen zu langweilig wird, schnappen Sie sich das Mikro und weisen ahnungslose Verkehrsteilnehmer auf ihr vermeintliches Fehlverhalten hin. In unseren Ohren klingt das jedenfalls wie feinste Pöbeleie. Mehrmals am Tag bekommen die örtlichen Ordnungshüter richtig was zu tun, nämlich das Absperren der Hauptverkehrsader für einen Tross von Stretchlimos der Regierung. Wehe, man wagt es während dieser Zeit die Straße zu kreuzen….
Am Mittwochabend stand dann mit dem Qualifikationsspiel der letzte Programmpunkt auf dem Plan. Schon früh füllte sich der Gənclik-Platz vor dem Stadion mit vielen Neugierigen, die vielleicht einen Blick auf den Bus der deutschen Mannschaft erhaschen wollten. Der Platz vor dem Supermarkt war aufgrund der dort feilgebotenen kalten Biere überwiegend von deutschen Anhängern besetzt. Wen wundert’s….
Das Stadion bietet Osblock-Flair pur, angefangen bei den wunderschönen Flutlichtmasten, einer ja leider aussterbenden Gattung. Hinter der Haupttribüne steht ein Denkmal von Tofik Bakhramov, nach dem auch das Stadion benannt ist. Wer ist Tofik Bakhramov? Der gute Mann war der Linienrichter beim legendären Wembley-Tor, weshalb das Denkmal wohl auch die Engländer finanziert haben. Lassen wir ihnen zumindest das, schließlich haben sie seitdem ja auch nichts mehr gerissen. Im Stadion machten wir eine kleine Foto-Runde, wobei wir auch endlich die ebenfalls angereisten Mitglieder der Braunschweig Family trafen.
Leider machten sich zu diesem Zeitpunkt bei mir arge Magenprobleme bemerkbar und ich machte mich auf der Suche nach einer Toilette. Ein Ordner wies mir auf englisch den Weg, fügte aber abschließend beschwörend hinzu „But don’t go in there!“. Danke für diesen Tipp, den ich nach Begutachtung des einzigen Klos für die gesamte Kurve auch gerne beherzigte. In einem Benachbarten Gebäude fand ich dann aber dankenswerterweise doch noch einen benutzbaren Pott.



Das Spiel war entgegen aller Ankündigungen doch nicht ausverkauft, weshalb die gesponserte Choreo der Aserbaidschaner wegen der großen Lücken nicht ganz perfekt aussah. Die deutsche Hymne kam leider nicht so laut rüber, da sich der deutsche Pöbel über mehrere verstreute Sektoren im Stadion verteilte. Die aserbaidschanische Hymne wurde heute offenbar in der Maxi-Remix-Version gespielt und schien gar kein Ende zu nehmen. Das Spiel war leider relativ öde und die Deutschen kamen ohne sich kaputt zu machen zu einem ungefährdeten 2:0-Erfolg, womit die Niederlagen lange nicht so hoch ausfiel, wie vor dem Spiel von vielen Einheimischen gefürchtet. Hier ging die Tipps mehr in Richtung 0:5.  Sicher war es ein glanzloser Sieg, aber wen interessiert das später noch? Nach Spielende kehrten wir in der Nähe noch in einem Biergarten ein, wo man mit anderen Deutschen ins Gespräch kam. „Ihr seid aus Braunschweig? Kennt ihr den Teamchef?“. Damit waren die nächsten beiden Stunden schon mal fix überbrückt. Am Hostel warteten wir dann auf unser Taxi, welches uns um 4 Uhr in der Frühe zum Flughafen bringen sollte. Die Wartezeit bis zum Abflug verging dort dann doch relativ fix, da man die nach und nach aus der Stadt eintrudelnden Ballermänner beobachten konnte. Den knapp vierstündigen Flug nach Riga verpennte ich glücklicherweise fast komplett. Die weiteren vier Stunden Wartezeit auf den Anschlussflug nach Berlin bekamen wir auch noch irgendwie rum und gegen 17h waren wir wieder im heimischen Braunschweig.